„Auf die FernUni kann ich mich verlassen“

Foto: Hans Schenkel
Hülya Süzen ist seit 17 Jahren bei der Bundeswehr und studiert seit 2015 an der FernUni.

Der Weg von Hülya Süzen zur FernUniversität ist genauso ungewöhnlich wie ihr Lebenslauf. Die 38-jährige Soldatin war vor einigen Jahren nebenbei noch Profiboxerin. Bei einem Trainingskampf erlitt sie eine Hirnblutung. „In der Klinik wurde mir erst klar, wie viel Glück ich gehabt habe“, sagt Hülya Süzen. Sie erlitt keine Langzeitfolgen aufgrund der Hirnblutung, das ist bei anderen Patientinnen und Patienten anders. „Das hat mich aufgeweckt, dass es anderen Menschen nicht so gut ergangen ist wie mir und ab da wollte ich mein Wissen erweitern und mein Gehirn fördern.“

Von der Rehaklinik ins Studium

Noch in der Klinik schrieb sie sich an der FernUni ein. Das war 2015. In den vergangenen sechs Jahren absolvierte sie bereits ihren Bachelor an der FernUni in Kulturwissenschaften, bildete sich in einem Masterstudiengang der Universität der Bundeswehr Hamburg weiter und studiert momentan im Master Geschichte Europas und Philosophie im europäischen Kontext. „Ich könnte das ein Leben lang weitermachen. Das Konzept der FernUni passt super zu meinem Leben.“ Süzen hat türkisch-kurdische und auch arabische Wurzeln. Daher interessierte sie sich schon früh für Kulturen und Sprachen. „Ich wollte immer Geschichte studieren. Mich fasziniert, wie sich Menschen im Laufe der Zeit entwickelt haben.“

„Ich will die Lösung sein und nicht das Problem“

Seit sie vier oder fünf war, wollte Hülya Süzen Ritter werden. „Alle anderen Mädchen wollten Prinzessin werden, aber diese hat doch immer Probleme und muss gerettet werden“, lacht Süzen. Daraufhin hat sie ihre Familie gefragt, ob es denn noch Ritter gibt und wer die Menschen beschützt. Daraufhin entgegneten sie ihr, dass dies Soldaten übernehmen, aber dass dieser Beruf nichts für ein Mädchen sei. Süzens Antwort: „Dann werde ich eben die erste sein.“

Aufgefallen wie ein „bunter Hund“

Ganz die erste Soldatin ist Hülya Süzen nicht geworden, aber sie ist eine der ersten muslimischen Frauen bei der Bundeswehr. „Am Anfang bin ich aufgefallen wie ein bunter Hund. Wenn ich in die Truppenküche kam, haben alle aufgehört zu essen und mich angestarrt. Damals wurde noch quer durch die Küche „Moslemkost“ gerufen“, lacht sie. Mittlerweile muss sie nicht mehr nur Beilagen essen, sondern es gibt drei verschiedene Gerichte, wo Süzen auch etwas für sich finden kann.

Auch ihre Familie war zuerst verwundert, dass sie wirklich Soldatin werden wollte. „Ich komme aus einer Großfamilie und am Anfang war es schwer für mich.“ Doch ihre Eltern wollten ihren Kindern nie im Wege stehen. Um den Berufswunsch seiner Tochter „zu verteidigen“, zitierte ihr Vater gegenüber der Familie ein kurdisches Sprichwort. „Ein Löwe ist ein Löwe, egal ob er männlich oder weiblich ist und meine Tochter ist ein Löwe und sie macht das.“ Das hätte alle zum Schweigen gebracht und mittlerweile ist ihr Beruf auch akzeptiert in der Familie. „Einige meiner Cousins sind meinem Beispiel gefolgt und haben bereits auch für die Bundeswehr gedient oder arbeiten dort.“

Foto: Privat
In ihrer Freizeit ist Süzen gerne mit der Familie unterwegs oder treibt Sport.

Sie begann bei der Bundeswehr als Sanitäterin und wechselte dann in den Stabsdienst (eine Bürotätigkeit bei der Bundeswehr). Dort war sie jahrelang Expertin für religiöse Vielfalt und somit Ansprechpartnerin für Soldatinnen und Soldaten anderer Glaubensrichtungen. „Dort hat mir das Studium in Kulturwissenschaften bei der Interaktion mit den Menschen sehr geholfen.“ Süzen arbeitete in ihrer ehemaligen Tätigkeit auch oft unter anderem mit Moscheegemeinden oder Synagogen zusammen. „Am Anfang hatte ich schon Sorge, dass es Vorbehalte gegen mich gibt.“

Doch das Gegenteil war der Fall. Gerade die muslimische Community freute sich riesig, dass sie bei der Bundeswehr arbeitet. „Sie waren stolz und das war ein unglaublich schönes Gefühl.“ Mittlerweile ist die Soldatin in den gehobenen Dienst gewechselt und arbeitet als Analystin für bodengebundene Luftverteidigung und Raketenabwehr in einem deutsch-niederländischen Kompetenzcenter.

Studium mit Beruf verbinden

Die Soldatin ist ein auditiver Lerntyp. Sie hört sich demnach ihre Lerninhalte am liebsten an. „Durch meinen Job bin ich oft im Auto oder im Zug unterwegs und lasse mir die PDF-Dateien vorlesen. Während sich andere Musik anmachen, höre ich mir eben meine Studienbriefe an“, sagt Hülya Süzen. Sowieso verbindet sie viele Inhalte mit ihrem Beruf. Den Tipp möchte sie auch anderen weitergeben. „Ich schreibe Hausarbeiten zum Beispiel über Kriegsdenkmäler oder möchte mich in meinem Master mit ethischen Fragen zu autonomen Waffensystemen beschäftigen.“

„Ich wachse an dem Studium“

Sie hatte immer das Gefühl, dass sie sich auf die FernUni verlassen kann. „Meine Bachelorarbeit musste ich sehr kurzfristig anmelden und habe sie in drei Wochen geschrieben. Das war kein Problem für die Fakultät.“ Ihr Studium kostet Süzen auch mal einen Urlaub oder ein Wochenende. „Es erfordert Disziplin, aber das Studium ist für mich die beste Investition.“ Sie plant sogar eventuell weiter an der FernUni zu studieren und zwar Praktische Informatik. „Ich bin nicht gut in Mathe, aber ich finde das Thema interessant und will mich weiterbilden.“ Doch auch eine Powerfrau wie sie sagt: „Ruhephasen sind wichtig. Ich habe auch gerne Freizeit, treibe Sport oder bin mit meiner Familie unterwegs.“ Ein Fernstudium ist nicht immer leicht zu bewältigen. Doch Süzen sagt: „Man sollte entspannt an das Studium herangehen und nicht zu verbissen sein.“

Stand: Juni 2021