Das aktuelle Programm der „Lüdenscheider Gespräche“ 2022

Veranstaltungsort

Die Lüdenscheider Gespräche werden im Kulturhaus Lüdenscheid, Freiherr-vom-Stein-Str. 9 veranstaltet. Es gelten die aktuellen Corona-Regeln, siehe auch hier.

Anmeldung erforderlich bei:

Eva Engelhardt
Telefon: +49 2331 987-4010
E-Mail: eva.engelhardt

Aktuelle Veranstaltung

29. Juni 2022

Dorothee Wein: Erinnern an die Colonia Dignidad. Einblicke in ein chilenisch-deutsches Oral History-Archiv

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Die Colonia Dignidad ist bekannt und berüchtigt als deutsche Sektensiedlung im südlichen Chile. Zwischen 1961 und 2005 wurden die Sektenmitglieder und ihre Kinder hier isoliert, indoktriniert, ausgebeutet, gequält und sexuell missbraucht. Während der chilenischen Diktatur 1973 bis 1990 wurden Oppositionelle dort gefoltert und ermordet. Diese mit Wissen der deutschen Botschaft begangenen Verbrechen wurden bislang nur ungenügend aufgearbeitet.

Im Projekt „Colonia Dignidad – Ein chilenisch-deutsches Oral History-Archiv“ sind in den vergangenen Jahren 64 Interviews mit Bewohner/innen, politischen Gefangenen, Angehörigen und weiteren Zeitzeuginnen und Zeitzeugen geführt worden. Die deutsch- oder spanischsprachigen Video-Interviews sind in einem multiperspektivischen Interview-Archiv zugänglich. Das nicht nur die Erzählungen der Zeitzeugen bewahrt, sondern auch die wissenschaftliche Aufarbeitung und politische Bildung mit dem Thema fördern soll.

In dem Vortrag werden der Entstehungsprozess sowie die spezifischen Herausforderungen für das Archiv beleuchtet, das Lebensgeschichten aus sehr unterschiedlichen gesellschaftlichen Kontexten versammelt, von Menschen, deren Lebensgeschichten in meist leidvoller Art und Weise mit der Colonia Dignidad verbunden sind, deren Erfahrungsräume und Weltsichten sich jedoch untereinander häufig fremd gegenüberstehen.

Dorothee Wein ist Politikwissenschaftlerin und Ethnologin. Sie arbeitet seit 2008 im Team der Digitalen Interview-Sammlungen der Freien Universität Berlin, wo sie narrative Oral History-Quellen für Wissenschaft und Bildung erschließt und in digitalen Umgebungen zugänglich macht. Seit 2019 ist sie im Projekt „Colonia Dignidad. Ein chilenisch-deutsches Oral History-Archiv“ als wissenschaftliche Mitarbeiterin für die Konzeption und Durchführung des Interviewprojektes zuständig.


Weitere geplante Veranstaltungen

07. September 2022

Anke Blümm: Arbeitstitel: Netzwerke des Bauhaus

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12. Oktober 2022

Jeanette Metz: Verschickt, gebadet, kuriert? Kinderkuren am Hellweg

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16. November 2022

Felix Ackermann: n.o.

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Infos folgen


Archiv

01. Juni 2022

Arthur Schlegelmilch: Otto Ostrowski – Berlins „vergessener“ Oberbürgermeister

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Nur eine unscheinbare Seitenstraße im Bezirk Prenzlauer Berg erinnert heute an Berlins ersten gewählten Nachkriegs-Oberbürgermeister, den Sozialdemokraten Otto Ostrowski (1883-1963). Kaum größer könnte der Kontrast zu seinem Nachfolger Ernst Reuter ausfallen, dem eine Vielzahl von Straßen, Plätzen und Einrichtungen sowohl innerhalb als auch außerhalb der Stadtgrenzen gewidmet wurden.

Wie aber kam es überhaupt dazu, dass das eben noch einstimmig gewählte und von der Alliierten Kommandantur bestätigte Stadtoberhaupt von seiner eigenen Partei fallen gelassen und als „trojanisches Pferd“ aus dem Amt gejagt wurde? Worin bestand Ostrowskis Versagen, der doch als „ehrlicher Makler“ im Sinne gesamtstädtischer Integrität und sozialistischer Umgestaltung angetreten war? Welche Kräfte wirkten im Hintergrund? Und welche historische Bedeutung kommt der so genannten Ostrowski-Krise im Hinblick auf (West)Berlins Meistererzählung als Heldenstadt des Kalten Kriegs zu?

Der Referent, ehem. Leiter des Instituts für Geschichte und Biographie der FernUniversität Hagen, hat sich in mehreren Publikationen mit der Nachkriegsgeschichte Berlins befasst.

2022

04. Mai 2022

Michael John: Heimkinder: Erinnerung. Entschädigung. Versöhnung? Ein gesellschaftlicher Prozess

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In Deutschland begann es 2004 mit dem „Runden Tisch Heimerziehung“, in Österreich, der Schweiz und anderen Ländern sollte es länger dauern. Gewalt, Missbrauch in Heimen und die Praxis „schwarzer Pädagogik“ waren zwar schon lange bekannt, aber ein gesellschaftliches Thema stellten sie nicht dar. Heute werden Entschädigungen bezahlt, Päpste geraten in Bedrängnis, Politiker ins Schwitzen und Bischöfe ins Stottern. Eine jahrzehntelange Ignoranz hat ein Ende. Was ist geschehen? Es gilt hier eine Entwicklung zu diskutieren, in der Medien, Wissenschaft und nicht zuletzt die Betroffenen eine entscheidende Rolle spielten.

Michael John hat mehr als einhundert einschlägige Interviews geführt, tausende Akten durchforstet, eine Ausstellung zu Erziehungsheimen kuratiert, er ist vor allem mit der öster­reichischen, aber auch mit der internationalen Entwicklung vertraut. Er war mit Teams in der Auftrags­forschung aktiv, mehrere Publi­kationen wurden veröffent­licht. Er war und ist Mitglied diverser Kommissionen, unter anderem der österreichischen Volksanwaltschaft.

Michael John, Historiker, Kulturwissenschafter, Kurator, ao. Univ.Prof. (i. R.) Linz, Österreich.

16. März 2022

Hotel Dellbrück – Ein Generationenroman

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LSG GöringFoto: Roman Pawlowski

Dezember 1938: Sigmund, 15 Jahre alt, sitzt im Zug nach England. Sigmund ist Jude, Waisenkind, aufgewachsen im Hotel Dellbrück, dem Bahnhofshotel einer westfälischen Kleinstadt. Mit dem Kindertransport kommt er nach Cornwall, wo er von einem methodistischen Ehepaar aufgenommen wird. Hier überlebt er den Krieg und den Holocaust, studiert und wird Lehrer. 1949 entscheidet sich Sigmund für die Rückkehr nach Deutschland. Er unterrichtet an derselben Schule, an der er zwölf Jahre zuvor als "Judenlümmel" schikaniert wurde. Sigmund heiratet Maria, die Tochter des Hoteliers Tono Dellbrück, mit der er vor seiner Flucht nach England aufgewachsen ist. Doch Sigmund fällt es schwer, im Nachkriegsdeutschland heimisch zu werden. Auch sein Sohn Friedemann, der 1955 auf die Welt kommt, ist lange auf der Suche nach Heimat und Bindung. Nach dem Abitur fährt er 1975 mit dem Magic Bus das erste Mal nach Indien, später lebt er eine Zeit lang in Poona und zieht Anfang der 1990er-Jahre mit seiner Freundin Cleo nach Australien. Der Ankerpunkt in Deutschland bleibt das Hotel Dellbrück.

Michael Göring zeichnet mit seinem Roman „Hotel Dellbrück“ die Geschichte einer Familie über zwei Generationen nach: Wie sehr prägt das Schicksal des jüdischen Vaters, der zwischen Schuld- und Hassgefühlen nicht zur Ruhe kommt, den Sohn Frido? Wo findet man Heimat?

Michael Göring, 1956 geboren, studierte Anglistik, Geographie, Amerikanistik und Philosophie und promovierte 1986 im Fach englische Literaturwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Seit 2000 lehrt er zusätzlich als Honorarprofessor Stiftungswesen am Institut für Kultur- und Medienmanagement der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg. Bis Ende 2021 war er Vorsitzender des Vorstands der ZEIT-Stiftung und von 2014 bis 2018 Vorstandsvorsitzender des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen. Er ist Autor mehrerer Sachbücher und biographischer Romane, wie "Spiegelberg – Roman einer Generation", "Hotel Dellbrück" und "Dresden. Roman einer Familie".

02. Februar 2022

Walter Scheel : Unerhörte Reden

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Der ehemalige Bundespräsident Walter Scheel, der am 24. August 2016 im Alter von 97 Jahren verstarb, ist für seine Darbietung des Volksliedes »Hoch auf dem gelben Wagen« in der kollektiven Erinnerung geblieben. Dabei gehörte er jenseits dieses Klischees zweifellos zu den wichtigsten und erfolgreichsten Politikern der Bonner Republik. Trotzdem drohten die Reden dieses herausragenden Rhetorikers zu Unrecht in Vergessenheit zu geraten.

Im Archiv des Liberalismus der Friedrich-Naumann-Stiftung in Gummersbach lagern etliche Meter an Unterlagen von und über den ehemaligen Bundespräsidenten. Dieses Vermächtnis Scheels hat nunmehr seinen Niederschlag in der Förderung und Mitwirkung der Stiftung am Buch „Walter Scheel – Unerhörte Reden“ gefunden, das 2021 im Berliner Be.bra Verlag erschienen ist. Der Band zeichnet – auf gut 300 Seiten und mit rund 70 Fotos – Walter Scheels politisches Wirken anhand von 16 Ansprachen als Bundesminister, Bundespräsident und Parteipolitiker nach.

Der Herausgeber des Buches, Dr. Knut Bergmann, Leiter Kommunikation des Instituts für deutsche Wirtschaft und Lehrbeauftragter am Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie der Universität Bonn, und der Ko-Autor Prof. Dr. Ewald Grothe, Leiter des Archivs des Liberalismus, stellen dieses Buch vor und erinnern an Walter Scheel als einen herausragenden Politiker.

Die Veranstaltung findet in Zusammenarbeit mit dem Archiv des Liberalismus der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit, Gummersbach statt.

 

2021

17. November 2021

Freiheitskämpferin, Heilige, grüne Feministin – Die vielen Leben der Sophie Scholl

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Das Leben der Sophie Scholl, das am 22. Februar 1943 unter dem Fallbeil endete, umfasste gerade einmal 21 Jahre. Ihr kurzes Leben wurde seither wieder und wieder erzählt, von Zeitzeuginnen, Historikern, Journalisten, Autorinnen und Filmemachern. Anlässlich ihres 100. Geburtstags am 9. Mai 2021 sind gleich zwei neue Biografien erschienen. Neues kann dabei kaum noch zu Tage kommen, denn die wesentlichen Quellen sind alle erschlossen.

Maximilian Probst fragt stattdessen nach dem Nachleben der Sophie Scholl im kulturellen Gedächtnis. Warum wurde Sophie Scholl nicht vergessen, wie so viele andere Widerstandskämpfer? Wie wurde sie, die erst spät zur Weißen Rose stieß, zum Gesicht dieser Widerstandsgruppe, vielleicht zum Gesicht des deutschen Widerstandes schlechthin, für mache gar zur berühmtesten Frau der deutschen Geschichte? Wer hat wann und in welchem Kontext das Bild von Sophie Scholl gezeichnet? Worin bestand und besteht das Interesse an dieser jungen Frau, das ihr ein derart langes und intensives Nachleben beschert hat?

Maximilian Probst, 1977 in Hamburg geboren, ist ein Enkel des Widerstandskämpfers Christian Probst und Mitglied der 1987 gegründeten Weiße Rose Stiftung. Er hat Philosophie, Geschichte und Germanistik studiert und als Übersetzer von Paul Virilio, Alain Badiou und Slavoj Žižek gearbeitet. Heute ist er Redakteur im Wissensressort der ZEIT.

27. Oktober 2021

„Geld allein taugt nicht zur Identitätsbildung“

Entführungen von Millionären und Millionärinnen in der Bundesrepublik zwischen Ereignis, Deutung und Erinnerung

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Seit den 1970er Jahren stieg die Zahl von Entführungen mit Lösegeldforderungen erheblich. Allein im Herbst 1976 wurden fünf Personen entführt, wobei die Oetker-Entführung mit einer Lösegeldforderung von 21 Millionen DM den dramatischen Höhepunkt bildete. Die Zunahme des Verbrechens löste nicht nur Debatten über Gewalt, Sicherheit und die Präventionen davor aus. Sie stellte auch Fragen nach der Opfergruppe. Wer war potentielles Opfer und warum? Kriminologische Erhebungen sowie journalistische Beobachtungen stellten zunehmend fest, dass es sich in den meisten Fällen um Millionäre und Millionärinnen handelte. „Die reichen Leute und ihre Kinder sind das natürliche Ziel dieses Verbrechens, nicht die ganz normalen“, formulierte paradigmatisch die FAZ im Jahr 1983.

Der Vortrag stellt diese öffentlichen Debatten in den Mittelpunkt. Dabei wird die Suchbewegung von Zugehörigkeit und Identitätsbildung nachvollzogen und Besitz als Identitätsmerkmal exemplarisch diskutiert. Damit blickt der Vortrag nicht nur auf die öffentlichen Zuschreibungen sowie auf Vorstellungswelten der Täter über die Opfer, die jene vor Gericht, in Interviews sowie in Erinnerungen formulierten. Der Vortrag will zudem zeigen, wie die Selbstwahrnehmung als Opfergruppe auch die Verortung in der sozialen Ordnung der Bundesrepublik einschloss und damit schlussendlich auch zur Disposition stellte, ob man sich der sozialen Gruppe der "Reichen“ zugehörig fühlen konnte. In seinem Buch „Im Keller" über seine Entführung 1996 resümierte Jan-Philipp Reemtsma: "Geld allein taugt nicht zur Identitätsbildung“. Aber genau dieses gemeinsame Merkmal der Opfergruppe war nicht nur entscheidendes Kriterium für die Täter. Es löste ebenfalls Fragen nach Gerechtigkeit aus und stellte damit die öffentlichen Diskussionen um die Entführung in den Kontext von sozialen Ungleichheitsdebatten der 1970er Jahre.

Eva Maria Gajek ist Historikerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin der Leibniz-Preis-Arbeitsgruppe „Geschichte und Theorie des globalen Kapitalismus“ an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Für ihre Promotion erhielt sie den Hedwig Hintze Preis des Verbandes der Historikerinnen und Historiker Deutschland. Derzeit arbeitet sie an einer Kulturgeschichte des Reichtums im 20. Jahrhundert.

08. September 2021

Werner und Hans-Bernd von Haeften und der Widerstand des 20. Juli 1944

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Werner von Haeften und sein Bruder Hans-Bernd von Haeften zählten zum engsten Kreis des Widerstands vom 20. Juli 1944. Die Brüder wandten sich frühzeitig gegen das nationalsozialistische Regime und wurden nach dem missglückten Staatsstreich hingerichtet.

Die Bedeutung der Brüder Haeften im Widerstand des 20. Juli 1944 wurde bislang in der Forschung unterschätzt. Werner von Haeften war als Ordonnanzoffizier Stauffenbergs maßgeblich an den Planungen des Attentats und des Staatsstreiches beteiligt. Sein Bruder Hans-Bernd gehörte zum Kreisauer Kreis. Er war Mitverfasser verschiedener Denkschriften und sorgte für deren Verbreitung im Ausland. Beide waren vernetzt mit Akteuren der Verschwörung aus verschiedensten Kreisen. Für die Gruppe der Verschwörer bildeten die Brüder Werner und Hans-Bernd eine Scharnierfunktion zwischen Heeresleitung, Auswärtigem Amt und zivilem Widerstand.

Werner von Haeften war ab November 1942 aktiv am Widerstand beteiligt - zunächst in der Abteilung Ausland/Abwehr im Oberkommando der Wehrmacht unter Helmut James Graf von Moltke, dann in der Passierscheinstelle bei Jens Peter Jessen - einer Dienststelle, die zur zentralen Schaltstelle des Widerstandes wurde. Als er im November 1943 als Ordonnanzoffizier zu Stauffenberg kam, verfügte er über ein Wissen und ein Netzwerk, das für die Organisation und Durchführung des Staatsstreiches von immenser Bedeutung war. Er rekrutierte Verbindungsoffiziere und machte Stauffenberg mit vielen Akteuren des Widerstands bekannt.

Hans-Bernd von Haeften gehörte zu den wenigen Diplomaten im Auswärtigen Amt, die oppositionelles Verhalten zeigten. Systematisch pflegte er Kontakte ins Ausland und organisierte Reisen von Mittelsmännern wie Dietrich Bonhoeffer ins Ausland. Haeften gehörte zum Kreisauer Kreis und war Mitautor zahlreicher Schriften, darunter die „Denkschrift zur Neuordnung“. Am 20. Juli hatte Hans-Bernd eine schriftliche Vollmacht in der Tasche. Nach dem Umsturz hätte er das Auswärtige Amt als Staatssekretär neu organisieren sollen.

Rieke C. Harmsen, geboren 1967 in Chicago (USA), promovierte 2020 an der FernUniversität in Hagen zum Thema „Werner und Hans-Bernd von Haeften und der 20. Juli 1944 – Mit einem Beitrag zum „Biographical Turn“. Sie ist Chefredakteurin von Sonntagsblatt.de und lehrt an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen (FAU). Die Verlagskauffrau und Journalistin schreibt seit vielen Jahren über Medien, Geschichte und Kultur.

09. Juni 2021

„Süßes aus dem Osten! Schokolade aus Saalfeld“

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Dr. Karin HartewigFoto: privat

„Mauxion Schokolade“ kannte in den 1920er Jahren jedes Kind, nicht zuletzt wegen der aufsehenerregenden Werbeaktionen. Außerdem gehörten die exquisite Tafelschokoladen neben Bahlsens Butterkeks zur Bordverpflegung der ersten Lufthansa-Linienflüge mit „Tante JU“ (JU-52). Und die Schokoladenmilch to go, die auf Bahnhöfen und bei Großveranstaltungen aus der „Schoko-Fontäne“ frisch ausgeschenkt oder in Flaschen verkauft wurde, galt als allseits beliebtes Getränk.

Was machte den besonderen Erfolg des Unternehmens aus Saalfeld aus? Wie führte der Unternehmer Ernst Hüther das Unternehmen durch die Höhen und Tiefen der deutsch-deutschen Geschichte? Wie brachte es die Unternehmerfamilie fertig, der aufstrebenden Kleinstadt ihren Stempel aufzudrücken und Saalfeld in „Hüther-City“ zu verwandeln?

Der Vortrag betrachtet Stationen und Wegmarken in der Unternehmensgeschichte der Schokoladenfabrik Mauxion und ihrer Nachfolger vom Kaiserreich bis zum Aufbau Ost. Darin eingeschrieben sind die Krisen und die „guten Zeiten“ der Expansion und des unternehmerischen Erfolgs, ebenso wie die weniger glanzvollen Seiten des Opportunismus und der Kooperation aus Eigennutz, aber auch die Geschichte des sozialistischen Betriebs und des Genussmittels Schokolade. Das Familienunternehmen Mauxion ist ein sprechendes Beispiel für die deutsch-deutsche Unternehmensgeschichte im 20. Jahrhundert. Der einst namhafte Hersteller von Schokolade steht beispielhaft für die starke Tradition der Schokolade aus Mitteldeutschland, die in der Wendezeit weithin in Vergessenheit geraten ist.

Karin Hartewig, Jahrgang 1959, Dr. phil., hat Neuere und Mittelalterliche Geschichte sowie Neuere Deutsche Literatur und Deutsch als Fremdsprache in München studiert. Sie war am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen und an den Universitäten in Jena und Erfurt tätig und Gastprofessorin für Kulturwissenschaften an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig. Sie lebt in der Nähe von Göttingen.

Karin Hartewig ist freiberufliche Historikerin und Autorin. Ihre Themen sind breit gefächert. Sie berühren sozialgeschichtliche Fragen, die Geschichte der DDR, Biografien, Fotogeschichte, die materielle Kultur der Dinge, Auftragskunst im Dritten Reich sowie Produktwerbung und Corporate Design als angewandte Kunst und die Unternehmensgeschichte in West und Ost. Zurzeit ist sie unter dem Titel „Bahlsens Welt. Kekse, Kunst, Corporate Design und Unternehmenskultur (1911-1968)“ mit einer Studie zur Bahlsen KG, Hannover befasst.

Zum Thema des Vortrags erschien: „Süßes aus dem Osten. Schokolade aus Saalfeld“. Landeszentrale für politische Bildung Thüringen, Erfurt 2021. „Mauxion, Rotstern und Stollwerck. Die bewegte Geschichte der Schokoladenfabrik in Saalfeld". Leipziger Universitätsverlag, Leipzig 2021.

21. April 2021

Günter Verheugen: Europäisch, sozial, liberal – im Zweifel für die Freiheit

Moderiertes Gespräch mit Günter Verheugen, Politiker

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Moderation: Dr. Wolther von Kieseritzky, Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit, Archiv des Liberalismus/Public History, Berlin

Günter VerheugenFoto: Archiv des Liberalismus, Gummersbach

Ein „geschätzter Vermittler“ titelte Die Zeit über den EU-Kommissar; „Architekt“ der Ost-Erweiterung wurde er genannt. Als Günter Verheugen 1999 nach Brüssel ging, hatte er bereits mehrere Jahrzehnte das politische Leben der Bundesrepublik mitgestaltet. Er startete bei den Jungdemokraten und der FDP, erlebte 1971 die „Freiburger Thesen“ mit dem Ziel der Demokratisierung, Mitbestimmung und Umweltpolitik. Nach dem Koalitionsbruch 1982 wechselte er zur SPD und in den Bundestag. Das Gespräch nimmt die Zeitenwende der sozialliberalen Koalition vor 50 Jahren in den Blick, fragt aber auch nach der „Neubegründung der europäischen Idee“, wie sie Verheugen bereits 2005 angemahnt hat.

Günter Verheugen, Jahrgang 1944, arbeitete nach dem Zeitungs-Volontariat und Studium der Geschichte und Politik 1969 bis 1976 bei Hans-Dietrich Genscher erst im Innen-, dann im Außenministerium. Seit 1960 FDP-Mitglied, wirkte er ab 1977 als Bundesgeschäftsführer und von 1978 bis 1982 als Generalsekretär der FDP. Von 1983 bis 1999 gehörte er als SPD-Abgeordneter dem Deutschen Bundestag und dessen Auswärtigen Ausschuss an. Die SPD-Bundestagsfraktion wählte ihn 1994 zum stellvertretenden Vorsitzenden. 1999 wurde er EU-Kommissar für Erweiterung und 2004 bis 2010 zum Vizepräsidenten der EU-Kommission, zuständig für Industriepolitik und Unternehmen.

Die Veranstaltung fand in Zusammenarbeit mit dem Archiv des Liberalismus der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit, Gummersbach, statt.

10. März 2021

Ein ganz anderer Typ Unternehmen? Die Familienunternehmen Sartorius und Bahlsen im Nationalsozialismus und Nachkrieg

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Prof. Manfred GriegerFoto: Gerrit Mumme

Das Geschichtsbild von Unternehmen im zweiten Drittel des 20. Jahrhunderts stellt Großunternehmer wie Krupp, Flick oder Quandt in den Mittelpunkt. Bis heute prägen aber auch kleinere und mittlere Familienunternehmen die deutsche Wirtschaftsstruktur; manche sehen darin sogar einen Stabilitätsanker. Der Vortrag zeigt am Beispiel des Spezialunternehmens Sartorius und der bekannten Markenfirma Bahlsen die Reaktionen auf die wirtschaftliche Krise Anfang der 1930er-Jahre, die politischen Machtwechsel und sich eröffnenden ökonomische Möglichkeiten von Krieg und Zivilgesellschaft.

Gerade in Familienunternehmen - so die These - lassen sich die Handlungsspielräume in den durch massiven ökonomischen und politischen Anpassungsdruck gekennzeichneten Wandel zwischen den frühen 1930er- und 1950er-Jahren aufzeigen und dadurch die Beziehungen zwischen Unternehmern und der sie umgebenden Gesellschaft auf Akteursebene analysieren. Dass Familienunternehmer im Übergang von der nationalsozialistischen Diktatur zur bundesdeutschen Wohlstandsgesellschaft ihre eigenen Legenden pflegten, erweist die personale Kontinuität als Motor eines durch Vergessen, Umdeutung und Verschiebung gekennzeichneten wirtschaftlichen und mentalen Neuanfangs.

Manfred Grieger, Jahrgang 1960, Dr. phil., Historiker. Nach der Promotion an der Ruhr-Universität Bochum mit einer Arbeit über die Geschichte des Volkswagenwerks und seiner Arbeiter im Nationalsozialismus von 1998 bis 2016 war er bei der Volkswagen AG als Leiter der Historischen Kommunikation beschäftigt. Seit seinem Ausscheiden dort ist er wieder freiberuflicher Historiker und u.a. für die Stadt Gifhorn, die Tiroler Landesregierung oder die Bahlsen KG tätig. 2016 wurde Manfred Grieger zum Honorarprofessor der Georg-August-Universität bestellt, an der er seit 2007 am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte lehrt. Letzte Veröffentlichungen: Gifhorner Juden im Nationalsozialismus. Diskriminierung, Ausgrenzung, Deportation und Überleben, Gifhorn 2018; Sartorius im Nationalsozialismus. Generationswechsel im Familienunternehmen zwischen Weltwirtschaftskrise und Entnazifizierung, Göttingen 2019; Wintershall im Nationalsozialismus. Studien zur Wintershall AG zwischen Krise und Krieg, 1929-1945, Frankfurt am Main 2020 [mit Rainer Karlsch und Ingo Köhler].

3. Februar 2021

Kriegskinder, Generationendiskurse und imaginierte Gemeinschaften - Schulaufsätze zur Kriegs- und Nachkriegszeit aus dem Roeßler Archiv der FernUniversität in Hagen

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LSG B MüllerFoto: FernUniversität in Hagen

Der Vortrag setzt sich mit der Bedeutung von kriegsbezogenen Selbstzeugnissen westdeutscher Jugendlicher aus den 1950er Jahren auseinander. Bei den Selbstzeugnissen handelt es sich um noch unveröffentlichte autobiographische Schulaufsätze aus der ganzen damaligen BRD. Sie sind das Ergebnis einer nationalen Initiative des Bonner Pädagogen Wilhelm Roeßler, bei der rund 76 000 Aufsätze zu verschiedenen Themengebieten entstanden, die heute unter dem Namen „Roeßler Archiv“ im Archiv „Deutsches Gedächtnis“ im Institut für Geschichte und Biographie der Fernuniversität Hagen liegen.

In dieser Sammlung befinden sich ca. 6. 800 Aufsätze über die Kriegserlebnisse der SchülerInnen und ihrer Familien. Die meisten dieser Texte wurden von Jugendlichen der Jahrgänge 1938 bis 1940 geschrieben, die zum Zeitpunkt der Roeßlerschen Aktion im Jahre 1956 zwischen 16 und 18 Jahren alt waren.

Die Stimmen dieser jüngsten Kriegskinder werden als Versuche innerfamiliärer Mediation und transgenerationeller Versöhnung sowie als Ausdruck weiterreichender deutscher Erinnerungskultur gelesen. Die Analyse zeigt, dass die Aufsätze sich nicht in vertrauten Opferdiskursen erschöpfen, sondern dass die SchülerInnen ihre oft traumatischen Erlebnisse dazu nutzen, positive, zukunftsorientierte Identitäten für sich selbst, ihren Jahrgang und ihre Familien zu entwerfen.

Beate Müller, Jahrgang 1963, Dr. Phil., ist Professorin für Germanistik und Kulturgeschichte an der Newcastle University in Großbritannien. Sie ist Autorin und Herausgeberin von Büchern zur Parodie und zur Zensur sowie von Studien zu Holocaustüberlebenszeugnissen aus der frühen Nachkriegszeit. Sie hat sich in den letzten Jahren vor allem mit Testimonies von deutschen und jüdischen Kriegskindern auseinandergesetzt. Zurzeit schreibt sie an einem Buch über die kriegsbezogenen Aufsätze de Roeßler Archivs.

 
07.06.2022