Gemeinsames Lesen und Diskutieren der Studienlektüre mit Nota Bene?

“The text is a tissue of citations, resulting from the thousand sources of culture.”

Roland Barthes

 

Studierende und Dozenten können in „Nota Bene“ PDF’s in einer kooperativen Art und Weise online kommentieren. Aus dieser Möglichkeit ergeben sich neue Anwendungsmöglichkeiten. Nachfolgend werden ein paar beispielhaft aufgeführt:

  1. Studierende lesen die Entwürfe von Veröffentlichungen und können daran mitarbeiten
  2. unverständliche Ausdrücke werden offensichtlich und Studierende, wie auch Dozenten können diese erklären,
  3. bzw. bei größeren Unverständlichkeiten, kann dieses Feedback direkt eingesetzt werden.

Was ist Nota Bene?

NB (Nota Bene) ist ein webbasiertes kollaboratives Annotationstool für PDF’s, welches den Austausch über die zu lesende Literatur in der Gruppe, aber auch zwischen Schülern und Lehrern ermöglicht.

Mit NB werden Kommentierungen im Text selbst ermöglicht und komplexes Material kann von den Teilnehmern detailliert diskutiert werden.

Es existieren aktuell nur wenige kollaborative Annotationstools, welche in der Bildung eingesetzt werden.

Entwickelt wurde NB von der Haystack Group and Artifical Intelligence Laboratory am MIT und ist das Produkt der gemeinsame Leistung von Prof. David Karger (Twitteraccount: @karger) und Doktorand Sacha Zyto (LinkedIn). Seit 2009 wird das NB-Tool eingesetzt. Derzeit wird es in mehreren MIT Kurse und in über 100 Kurse in 10 externen Institutionen verwendet.

Karger und Zyto verbinden mit NB folgendes Potenzial:

„NB encourages students to participate in the class material, even students who are not verbally active in class. Questions and comments from students as well as replies from faculty are displayed inplace and provide a new perspective on the content. Evaluation shows that students prefer to use [the] online tool to read their notes, rather than printing out copies that are missing these annotations. Finally, NB provides comment browsing interfaces that help scale the staff’s workload of coping with reading assignments in large classes.“

(Wilkins, P. (2012). NB PDF Annotation Tool. Gallery of Educational Innovation. Gefunden am 26.02.2015 unter http://oeit.mit.edu/gallery/projects/nb-pdf-annotation-tool)

Welche Vorteile im Bildungsbereich können mit einem Einsatz von Nota Bene einhergehen?

Nota Bene hat sich zum Ziel gesetzt eine kollaborative Kommunikation des Vorlesungsstoffs bzw. der Bildungsinhalte zu ermöglichen. Kollaboratives Arbeiten findet heterarchisch statt, was eine mehr oder weniger vollkommene Gleichberechtigung aller Teilnehmer bedeutet.

Daraus ergeben sich folgende Vorteile:

  1. Beim Lesen des Textes können auftretende Fragen bereits von mitlesenden Kommilitonen beantwortet werden. Der Dozent wird damit einerseits entlastet und der Fragende muss nicht über einen längeren Zeitraum auf eine Antwort warten. Des Weiteren können mitlesende Kommilitonen ihr erworbenes Wissen / Erkenntnisse weitergeben.
  2. Zum anderen wird das Wissen und die Kompetenzen von Kommilitonen oft unterschätzt, bzw. liegt es in der Veranstaltung aufgrund der vorgegebenen Struktur brach. Dieses können sie über die Plattform Nota Bene von nun an dem Text beifügen und diesen bspw. durch Beispiele ergänzen oder andere Perspektiven erweitern.
  3. Nota Bene ermöglicht es die zu lesenden Texte auf vielfältige und differenzierte Art und Weise kreativ zu begleiten. Beispielsweise können Beispielvideos, Tonspuren oder andere Fachtexten zu bestimmten Textstellen verlinkt werden.
  4. Verständnis – Loslassen von Wissen (kann nicht alles wissen, deswegen kollaboratives zusammenarbeiten)

Steckbrief: Nota Bene NB

NB
Einsatzgebiet Bildung: Textdiskussionen, gemeinsames erarbeiten / lesen von Textinhalten in PDF-Form
Ziel NB ermöglicht Themen in ihrer Breite zu diskutieren. (Brainstorming)
Zielgruppe Bildung (Studierende, wie auch Dozenten)
Kosten kostenlos nutzbar
Hard-/Software-voraussetzung webbasiert, daher unabhängig von den Gerätearten (Mac/ Windows / Android)
Tutorials

Multimedia- Einbindung Integration von Links
Support Support wird durch FAQ’s, durch ein Forum und weitere Kontaktmöglichkeiten angeboten.
Usability
  • Benachrichtigungsfunktion / Integration einzelner Social Media Eigenschaften
  • Dashboard: auf dem die Aktivitäten, die beobachtet werden sollen zusammengefasst werden
  • mehrere Klassen sind einstellbar
  • Übersichtlichkeit bleibt trotz mehrere User vorhanden
Sprache Englisch (Vorschlag für einen Einsatz: bedarf unterstützender Videotutorials bzw. Screens)
Kategorie Social Reading

Erste Schritte auf Nota Bene

          Dashbord:

Nach der Anmeldung findet der Nutzer in einer Übersicht alle Dokumente die er lesen, bzw. mitlesen kann. Im größeren Fenster werden ihm des Weiteren verschiedene Interaktionsformen, die seit seinem letzten Besuch vollzogen worden, angezeigt, wie bspw.:

  1. neue Kommentare in einer PDF, wo man selbst über Adminrechte verfügt (entweder zugewiesen oder weil man das Dokument hochgeladen hat) und
  2. wenn auf einen eigenen Kommentar reagiert wurde, in Form von Unterstützung durch das „+“, bzw. durch Reaktion mit einem eigenen Kommentar.
Dashboard NB

NB: Dashboard

          Gruppen erstellen:

Eine PDF muss, wenn sie hochgeladen wird, um deren Inhalt mehreren Lesern freizugeben, einer Gruppe zugeordnet werden, die zuvor angelegt wurde. Folgende Einstellungen für die PDF können vorgenommen werden:

  • Allow comments to staff?
  • Allow anonymous comments?
  • Allow guest access?
  • Allow users to download PDFs?
  • Allow users to add any PDF available online by ist URL?
  • Use subscribe URL?
NB Settings

NB: Einstellungen

Die Leser in einer Gruppe werden über eine E-Mail eingeladen.

NB: Einladung zur Bearbeitung eines Textes

NB: Einladung zur Bearbeitung eines Textes

Neuer Eintrag / Markierung:

Durch Markierungen im Text kann die Aufmerksamkeit anderer „Mitleser“ auf den Textteil gelenkt werden, der einen selbst besonders interessiert.

NB social reading

NB: social reading

Auf der linken Seite ist der markierte Text erkennbar, währen auf der rechten Seite eine entsprechende Notiz zu dem markierten Text für weitere Mitleser hinterlassen werden kann. Diese Notiz kann individuell geteilt werden, Des Weiteren kann man durch das Setzen des Häkchens unter „reply requested“ Reaktionen einfordern, indem bspw. derjenige informiert wird, der den Text eingestellt hat. Ebenso kann sich derjenige, der die Notiz zu einer Textstelle schreibt, anonymisieren.

Die Notiz kann entweder:

  1. für die gesamte Gruppe, die das Dokument liest freigeschaltet werden,
  2. für den Admin, bzw. in diesem Fall denjenigen, der das Dokument eingestellt und die Betreuer freigeschaltet werden
  3. oder für denjenigen, der die Notiz anlegt hat, sichtbar sein. kommunikativer Austausch / Kollaboration

 weiterführende Gedanken:

Rührt social reading an den Grundfesten unseres Verständnisses des Lesen? Ein Buch diente in der abendländischen Kultur im wesentlichen dazu, “mich selbst, ganz wie ich da bin, auszubilden“. Allerdings erst durch literarische Eröterungen und den Austausch anderer Leser kann man sich mit einem Buch durch „die allmähliche Vertiefung der Gedanken beim Reden“ individuell weiterbilden.

In der nachfolgenden PPT habe ich versucht die unterschiedlichen Kulturtechniken des analogen und des sozialen Lesens gegenüberzustellen. Anschliessend wurden drei verschiedene social reading Plattformen vorgestellt.

PPT-Social reading

Wissenschaftliche Texte diskutieren: Das Discuss-Papers-Forum öffnet seine Pforten!

Das Discuss-Papers-Forum

Haben Sie auch schon einmal nach dem Lesen eines Fachartikels nur Bahnhof verstanden und wussten ohne Hilfe nicht mehr weiter? Oder waren Sie vielleicht begeistert von den neuen Einsichten,  die Ihnen die Lektüre beschert hat und hätten es am liebsten der ganzen Welt erzählt? Um diesen Erfahrungen Raum zu geben, eröffnet das Lehrgebiet Mediendidaktik einen internationalen, frei zugänglichen Ort, um über wissenschaftliche Publikationen zu diskutieren. Das Discuss-Papers-Forum.

Worum geht’s?

Die  Lektüre eines wissenschaftlichen Textes beginnt und endet oft als einsame Erfahrung im stillen Kämmerlein. Doch erst im Austausch mit anderen, die den selben Text gelesen haben, erwachen die Inhalte zum Leben: Bedeutungen werden klarer, Abstraktes wird anschaulich und Implikationen greifbar. Während solche dialogischen Leseerfahrung manchmal noch in hochschulischen Seminaren ermöglicht werden, ist es außerhalb solch eines organisierten Lernkontexts nicht leicht, Menschen mit gleichen Leseerfahrungen zu begegnen. Besonders dann, wenn es um spezialisierte, wissenschaftliche Texte geht, deren potenzielle Lesergruppe oft nur Dutzende, Hunderte, bis wenige tausend Menschen weltweit umfasst.

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Das Discuss-Papers-Forum bietet vor diesem Hintergrund einen international ausgerichteten, für alle Fachrichtungen offenen, Gesprächsraum an, in dem sich Menschen mit gleichen wissenschaftlichen Leseerfahrungen suchen und finden können. Als Ausgangspunkt für den Austausch dienen konkrete wissenschaftliche Artikel (papers), denen jeweils ein titelgleicher Thread zugeordnet wird. Dieser bündelt alle Nutzerbeiträge zur betreffenden Veröffentlichung. Was inhaltlich zu den einzelnen Publikationen diskutiert wird, steht den Teilnehmern offen. Dies können Fragen, Anmerkungen, Kritik und dergleichen sein.

Da Englisch die internationale Wissenschaftssprache ist und die meisten Veröffentlichungen in dieser Sprache vorliegen, wird in dem Forum  vorwiegend Englisch gesprochen. Deutschsprachige Publikationen können jedoch auch auf Deutsch besprochen werden. Die gewünschte Diskussionssprache wird vom Threadsteller festgelegt und durch ein vorangestelltes „english“/“german“ gekennzeichnet.

Was bringt das ganze?

Eine ganze Reihe von pädagogischen und psychologischen Theorien legen den Schluss nahe, dass der gemeinschaftlichen Austausch über Texte günstige Effekte nach sich ziehen kann. Zum Beispiel indem ein Diskussionspartner zusätzliches Wissen oder neue Sichtweisen beisteuert, die man bisher nicht wahrgenommen hatte. Oder dadurch, dass man genauer liest und tiefergehend über den Text nachdenkt, wenn man weiß, dass man sich zu dem Gelesenen öffentlich zu Wort meldet. Auch die Erfahrung mit den eigenen Verständnisschwierigkeiten nicht allein zu sein und Unterstützung zu erfahren, kann hilfreich für den eigenen Lernwerg sein. Nicht zuletzt bietet sich die Chance, auf nette Menschen mit gleichen Interessen zu treffen und so Teil einer fachlichen Community zu werden.

Schauen Sie sich doch einmal an, wie das in der Praxis funktioniert!

social reading: literarische Texte als Diskussionsräume verstehen?

Ausgangsfrage:

Präsenzzeiten sind wertvoll! Dabei spielt es keine Rolle, ob sich diese Präsenzzeiten auf einen Kurs, auf eine Tagung oder anderes beziehen …

Auch wenn sich Beat Döbeli Honegger und Michael Hielschieler mit ihrem Tagungsbeitrag: “Tagungsbände als Diskussionsräume? Social reading als erster Schritt zur flipped conference” nur auf die Jahrestagung der GMW 2014 beziehen, so kann man davon ausgehen, dass ihre Eingangsfrage

“ob es angesichts der technischen Möglichkeiten sinnvoll ist, wenn Teilnehmende unvorbereitet zu Präsenztagungen erscheinen?”

, erweiterbar ist. Vor folgenden Herausforderungen stehen Vortragende:

  1. Der Präsentierende trägt den Inhalt vor, ohne die vielleicht wertvollen Kommentare und Ergänzungen und Anregungen aus dem Publikum in seine Forschung zurückfließen zu lassen. Das Publikum verfügte über keine Vorbereitungszeit, sich länger in die Arbeit einzudenken.

  1. Der Vortragende gestaltet den Inhalt weit weg, von der Lebenswelt der Teilnehmenden. In einer Lehrveranstaltung bedeutet dies bspw., dass die didaktischen Methoden sich an den Bedürfnissen der Studierenden orientieren müssen, statt an den Gewohnheiten der Dozenten.

Angesichts der heutigen technischen Grundlagen ist ein Austausch auf einer Tagung oder eines Kurses ohne Vorbereitung an den Interessen der Teilnehmenden ungenügend, wenn nicht sogar unbefriedigend und zwar für beide Seiten. Doch, wie können Vortragende und Teilnehmende, sich gleichzeitig mit den Inhalt vertiefend auseinandersetzen und Feedback, bzw. eigene Anregungen zurück fließen lassen?

Begriflichkeiten: “Flipped Classroom” und “social reading”

Beiden Methoden gemeinsam ist, dass sich die Teilnehmenden in einer unabhängigen Vorbereitungsphase den Inhalt im Vorhinein der Veranstaltung erschließen.

Im “Flipped Classroom” soll das Gelernte angewendet und diskutiert werden. In der Schule und Hochschule wird derzeit mit dem Format des “flipped classroom” experimentiert (vgl. Joshua Weidlich und Christian Spannagel “Die Vorbereitungsphase im Flipped Classroom”, ebenfalls im Tagungsband der GMW 2014 erschienen).

Social reading” im Hochschul- und Schulkontext, beinhaltet die gemeinsame Diskussion von Texten (welche durchaus mit verschiedenen Medienmixes angereichert sein können), muss hingegen nicht aus dieser Vorbereitungsphase bestehen. Dennoch ist es sinnvoll, dass sich Teilnehmende über “social reading” gemeinsam einen Text erschließen, in dem sie Verständnisprobleme und Begrifflichkeiten in Vorbereitung zur anschließenden Vertiefung klären.

Bob Stein, Computer-Pionier und Visionär, sowie Gründer der New Yorker Denkfabrik “Institute for the Future of the Book” hat in einem Projekt mit 85 britischen Studierenden der Literaturwissenschaft, die noch im Beta Status befindliche Plattform “SocialBook” eingesetzt. Während des Zeitraums des Projekts wurde eine Veränderung der Lehrtätigkeit festgestellt. In Diskussionen auf der Plattform verständigten sich die Studierenden im Vorhinein über den Inhalt. In dem darauffolgendem Seminar wurde der Text vertieft. Durch diese Veränderung der Lehr- und Lernform wurden Studierende und Lehrende stärker in den Vorbereitungen belastet. Allerdings konnte ein nachweislich wesentlich höherer Lernerfolg erzielt werden. (Blogbericht: „Le blog du Labo de l’édition: The Future of the Book is Social: Bob Stein’s insights“ (10.04.2014) und „Future of the book: SocialBook in action“ (18.08.2013)“

 

Screen - SocialBook.png

eingebunden mit Embedded Video

YouTube Direkt

 

“Social reading” kann daher als vorbereitender Baustein für “flipped classroom” oder andere “flipped Formate” gedacht werden.

 Lernziele nach Bloom (1965):

Der Lernzieltaxonomie nach Bloom folgend, werden sechs kognitive Prozesse des Lernens folgendermaßen hierarchisch angeordnet: remember, understand, apply, analyze, evaluate und create.

Werden diese Lernzielkategorien auf das “social reading” in Form eines “flipped Formats” übertragen, nämlich als Vorbereitung, so können die kognitiven Prozesse des remember und understand aus- bzw. vorgelagert werden. Bestimmten diese Lernzielkategorien in klassischen Präsenzveranstaltungen die Informationsvermittlung, so gelang es Studierenden/Teilnehmenden oft nur im Selbststudium die höheren Lernziele zu erreichen. Bei der aktiveren Vorbereitungsform, können Studierende/Teilnehmende hingegen erfolgreicher zu höheren kognitiven Prozessen stimuliert werden. Die Studierenden könnten eigene kreierte Ergebnisse zur Veranstaltung mitbringen und mit Kommilitonen und Dozenten diskutieren. Auf diese Weise wird die Integration der Lebenswelt des Studierenden selbstverständlich in die Veranstaltung integriert. Die nachfolgende Grafik soll dies veranschaulichen:

Blooms Taxonomie (social reading)

Blooms Taxonomie (social reading)

Zur GMW Tagung war erstmals der Tagungsband online verfüg- und kommentierbar: Realisiert wird der Tagungsband im Social Reading Format mit dem WordPress PlugIn commentPress (http://futureofthebook.org/commentpress/)

Beat Döbeli Honegger und Michael Hielscher weisen dementsprechend darauf hin, dass die für Lehrveranstaltungen getätigten Überlegungen sich auch auf wissenschaftliche Tagungen übertragen lassen.